"I hope ev'rybody had a good time tonite!" - Kaum jemand, der die Band noch nicht live kannte, hätte wohl dieses Tier hinterm Schlagzeug erwartet. Gepaart mit einem sehr relaxten und drückenden Music Man Bass prügelte der Mann sein Drumkit fast zu tode. Während Deutschland zwei Tore gegen Schottland schoss und der verkokst guckende Gitarrist geniale Soli auf einem Klavierflügel (stehend) hinlegte, gröhlte schräg hinter mir der wohl schlechteste Karaoke-Sänger des Rheinlands fast sämtliche Hits mit. Rob Thomas ("God bless you wonderful german people!") hingegen sang wie ein junger Gott. Das Kölner E-Werk feierte eine grandiose Liveband. Weitere drei Zugaben. Was blieb, war ein leichtes Pfeifen im Ohr und das sehr gute Gefühl, dabei gewesen zu sein.
Beim Blick auf die Fahrkarten die falsche Zahl gelesen und in Wagen 33 eingestiegen. Leider nicht nur der falsche Wagen, sondern gleich der falsche Zugteil. Kein Durchgang zum Wagen 23, nächste Möglichkeit zum Umsteigen in Hannover. Während der 45 Minuten Wartezeit im Gang neben dem defekten Klo die Entdeckung, dass ICE 645 eine Stunde später gefahren wäre. Falscher Zug also auch noch. Milchkaffee am Bahnhof. 1,10 EUR fürs WC natürlich nicht gezahlt. Der Anschlusszug kommt 20 Minuten zu spät. Passagiere ohne Platzreservierung spielen Reise nach Jerusalem. Auch Mitte September unterkühlt man den Großraumwagen gerne noch auf das Niveau zwischen Moskau und Wladiwostok. Wir sitzen mit Jacken am Baikalsee und lesen. Und die Bahn kommt.
Gestern zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor: das STREET OF SOUNDS OpenAir Festival Berlin. Laut Veranstalter sollten etwa 18.000 Menschen die Straße des 17. Juni bevölkern, während ein toller Mix aus bekannten Acts und Bands ohne große Label-Verträge den Park rockt. Schauspielerin Isabella Belloni - im wohl ungeschicktesten Bühnenoutfit des Tages, aber sehr sympathisch - würde als Moderatorin "die Besucher so richtig in Stimmung bringen!". Man hatte die Anlage auch ordentlich laut gedreht, dabei jedoch nicht bemerkt, dass es nur etwa 300-500 Leute zu unterhalten galt, die Grüppchen um den Bratwurststand bildeten. Dafür hätte der sehr überzeugende Scotti Mann, als Headliner aus New York angereist, sicherlich nicht die ganze Straße absperren lassen.
Ok, ich nehme an, diesmal hab ich ein typisches Männerbuch erwischt. Inhaltlich gesehen jedenfalls. Ganz im Stil von "Catcher in the Rye" haben wir es hier mit einem Helden zu tun, der sich aufgrund fixer Ideen, die fast immer im Suff aufkommen, auf eine ziemlich abstruse Reise begibt. Im Gepäck eine tolle Jacke (der Catcher hatte eine Mütze), im Hinterkopf Partys, Frauen und Alkohol. Im Kopf ganz allgemein wohl kaum mehr als ein abgestandenes Häufchen Drogen. Christian Kracht erzählt in seinem "Faserland" die ach so "mitreißende Geschichte einer Jugend, witzig und scharfsinnig, schnoddrig und schwermütig" (Buchrücken), während ich dabei eine meiner langweiligsten S-Bahn Fahrten in Berlin verbrachte. Dabei hatte ich vorher eigentlich beabsichtigt, dieses Buch zu mögen.
Neulich bei den Süßwaren: Ich stehe zahlend an der Kasse. Von rechts kommt eine Frau ausländischen Typs, die freundlich lächelnd aber sehr schwer verständlich ("Wo ich finde dnn Hügündül?") nach einer Abteilung des Kaufhauses fragt. Die Kassiererin, etwa 53, unattraktiv, stark übersetzt und sicherlich maßlos untervögelt, kläfft boshaft los: "Watt suchen se? Flügel? Ich verkaufe hier doch keine Flügels!!!". Der fragenden Dame fällt die Kinnlade runter. Mir beinahe mein Snickers-Eis. Während ich in den nächsten 3 Minuten überlege, dass derartige "Servicekräfte" besser an stinkenden Spülmaschinen in dunklen Kellern arbeiten müssten, beschloss ich, in solchen Situationen künftig anders zu reagieren. Bei Machtspielen gewinnt auf Dauer immer der Kunde. We'll make your day job!
Meine ersten Bekanntschaften mit Frauenzeitschriften machte ich beim Essen. Ich kann niemals einfach NUR Essen, sondern brauche grundsätzlich Unterhaltung dabei. Parallelbeschuss durch Fernsehen und Zeitung ist mir am liebsten, auch wenn ich an Tina, Bella, Neue Post und Neues Blatt, die damals zum halbwegs regelmäßigen Bestand unseres Haushalts gehörten, fast ausschließlich die Witzeseiten für verdaubar halte. Nun bin ich während einer Zugfahrt sogar an ein echtes Frauenbuch geraten. Das Leben der Heldin dreht sich meist darum, wann der Mann die Frau nach dem ersten Sex zurück ruft, und ob sich auch Claudia Schiffer im grellen Licht der Umkleidekabinen von H&M jemals unwohl gefühlt hat. Dabei ist Ildikó von Kürthys Buch "Mondscheintarif" grandios unterhaltsam geschrieben.
Die Vorahnung, einen schlechten Film zu sehen, erschleicht mich meist dann, wenn ich schon nach kurzer Zeit im Kino den Eindruck bekomme, dass sämtliches Entertainment für den Zuschauer ausschließlich von den Nebendarstellern des Films ausgeht - im konkreten Fall meines letzten Kinobesuchs in Form von Agent Smith. Schauspielerisch wertvoll artikulierte er bereits im ersten Teil sein "Mistrrr Ändrrrson". Seinen Sinn für Komik beweist er überzeugend unterschwellig nach dem Kampf mit 80 Agents gegen Neo den Auserwählten. Kein Film hat es jemals geschafft, dass ich nur 10 Minuten vorm grandios schlechten Ende des Films das Kino verlassen habe. Matrix Reloaded ist in dieser Hinsicht führend. "Unwissenheit ist ein Segen!" (Cypher)
Die primitive Absicht zahlreicher Kleinaktionäre, dem armen Manfred Krug zum Zeitpunkt, als die Aktien der Telekom frühsommerlich in den Keller rutschten, die Glatze polieren zu wollen, weil er als Anlegers Liebling und Aushängeschild einer neuen Brokergeneration ganze Kegelclubs ins finanzielle Verderben schickte, erschien mir gestern zum ersten Mal bewusst nachvollziehbar. Das leichte Kribbeln entstand bereits nachmittags im T-Punkt, zog sich über diverse Anrufe beim Support bis zum Abend hin und steigerte sich kurz vor Mitternacht während der missglückten Vorstellung, einen neuen Telefonanschluss direkt online auf der Webseite bestellen zu wollen, in ein Gefühl tiefster Verachtung und Abscheu. Liebe Enie ("Aber ja doch, Robert?"), fahr zur Hölle!
"Entchuldigunn, aber das geht hier nicht!", meinte der alte Chinese, der aussah wie ein Restaurantbesitzer in New Yorks Chinatown, der von Jackie Chan gegen Schutzgelderpresser verteidigt wird. Ich staunte nicht schlecht, schien doch mein Laptop, auf das der Mann ängstlich blickte, bestens zu funktionieren hier auf meinem Schoß auf einer Mauer in Berlin-Wedding. Was ich nicht wusste (doch bereits ahnte), aber was dem Chinesen bestens vertraut war: In Wedding sitzt man nur dann öffentlich mit einem Laptop auf der Straße herum, wenn man Boss einer kriminellen Jugendbande ist und es soeben geklaut hat. Ich für meinen Teil weiß jetzt, in welchem Stadtteil Berlins ich niemals wohnen werde und schreibe hier demnächst wieder regelmäßig von weiter draussen.
Interessanter Gesichtspunkt von Backwaren, der mir bisher nie richtig bewusst war: sie schmecken nicht bei jedem Bäcker gleich gut! Ich habe lange gebraucht, um diese Tatsache zu erkennen. Die hiesige Bäckergilde verstreut satte 5 ihrer Werkstätten im unmittelbaren Nahbereich meiner Wohnung, und bisher war mir egal, wer von ihnen den Sonntagsteig knetete. Die späte Einsicht, dass einer unter ihnen ist, der die absolut grandiosesten Croissants der Welt backt, kommt mir 3 Monate vor meinem Auszug hier etwa genauso gelegen wie der Umstand, dass es im Bahnhof nebenan einen Supermarkt gibt, der an 7 Tagen in der Woche bis 21 Uhr geöffnet hat. Warum nur machen die damit keine Werbung? Es hätte mir einige Wege zur nächsten Tankstelle sparen können!