Das kleine Seitenschwein

::: 28.06.2004

_unzuverlässig_

Neulich lief ich durch die Stadt, da quatscht mich lauwarm ein alternder Italiener von der Seite an und fragt, ob ich wüsste, welche zwei Dinge in Deutschland unzuverlässig seien? Keine Ahnung. In dem Moment fragt mich von der anderen Seite eine Frau nach dem Weg zum Bahnhof. Strecke also den Arm aus, da unterbricht der Typ: moment, ER stelle hier gerade eine Anfrage! Die Frau zieht beleidigt ab und er wiederholt, welche zwei Dinge nun... - Ich zucke gelangweilt die Schultern. "Die Frauen und das Wetter!" - Ihm tropfte der Spaß aus dem Mund, und als er feist grinsend hinzufügte, dass alle Deutschen Sigmund Freud gelesen und dessen sexuelle Gedanken angenommen hätten, wusste ich, dass ich nichts mehr von italienischen Autos und Berlusconi erzählen würde.

::: 21.06.2004

_Fuck it, I don't want..._

Laufen eigentlich nachts noch diese Werbungen im Fernsehen, in denen unattraktive Menschen von 0190er Nummern und asozia.. synchronem Dosengestöhne überlagert werden? Lange Zeit waren sie doch fester Bestandteil der gepflegten Quote hinterm Sandmännchen. Inzwischen hat man sie sicherlich auch durch das polyphone Geplärre ersetzt, das den Zöglingen schon nachmittags die Hosen auszieht. Kinder, was wollt ihr nur mit so vielen Klingeltönen? Es ruft euch sowieso niemand an, und eine SMS macht doch nur pieps? Haiducci im Abo und Fuck it, I want 3,98 EUR back wird inzwischen dauerreizend in Mehrfachblöcken gesendet, und ich würde vorschlagen, stattdessen die Genres zu kombinieren: Wilde Frauen und dickes Gepiepse in einem Spot! Das wäre mal wirklich... dumm.

::: 20.06.2004

_Berliner, Schnauze!_

Sprechende Mülleimer in Berlin. Eine Aktion der Stadtreinigung für mehr Sauberkeit. "Danke, echt knorke!", soll ein Modell dieser solarbetriebenen Eimer von sich geben, wenn man ihm Futter gibt. Tolle Sache, nur frage ich mich inzwischen: wo zum Geier stehen diese Dinger? Nicht auch nur EINER der Behälter hat mich bisher im Zentrumsgebiet angesprochen, und ich vermute deshalb stark, dass man sie irgendwo weit draußen in Marzahn oder Hellersdorf vor die anonymen Plattenbaus gestellt hat, um den vielen Menschen dort das Gefühl zu vermitteln, sie kennen jemanden in ihrem Block außer dem Concierge. Und was passiert eigentlich, wenn man die Tonne mit Hundekot befüllt? Wahrscheinlich tönt Sprachvariante zwei: "Dufte Leistung, Kumpel!", oder der Eimer singt von Matthias Reim.

::: 20.06.2004

_Schwuloderwas?_

"Ey, Pocher! Was machsu in Berlin? Schwul... oder was?" - die Reaktion eines 3er BMW-Fahrers mit zu viel Bass und zu wenig Hirn, als er Oliver Pocher nachmittags beim Kaffee entdeckt. Eben noch Kleindarsteller beim Schönwetter-Grand-Prix mit tiefergelegtem Seitenfenster rund ums Café, und abends schon eine Lachnummer auf der Showbühne. Blitzkarriere eines Bunken, der nie dabei war. Pocher war aber dabei und war gut. Richtig gut. Neben Thomas Hermanns himself und Tisch eins vorne links war sein Auftritt das unbestrittene Highlight an diesem Abend im Quatsch Comedy Club, dessen furioses Finale in einer bunt gemischten Choreographie aller 2-7 Singleauskopplungen von Alexander Klaws endete. - Well, "It's a maniac, maaaiii-niac on the floor..."

::: 07.06.2004

_Jetzt bloß kein Knoppers!_

Guten Morgen und willkommen im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg um 5 Minuten vor 8, also etwa 12 Minuten vor Arbeitsbeginn. Ein paar Tage zuvor hatte mir die Dame vom Infoschalter erzählt, dass die beste Möglichkeit für Meldeangelegenheiten montags morgens sei, damit man nicht allzu lange warten müsse. So früh steht ja niemand auf, dachten sich auch die exakt fünfzig anderen Bürger dieser Stadt, die sich bereits niedergelassen hatten, als mir der Automat den Zettel mit der Nummer 051 auf die Hand spuckte. Die Dame an der Info unterbrach nur ungern ihr privates Telefonat ("Gitte, du sollst nicht immer so schnell fahren!") und meinte, das würde nicht lange dauern in der Schlange. 20 Minuten später bimmelte Nummer 006, und Gitte erreichte ihre zweite Tasse Kaffee.

::: 27.05.2004

_Wie pinkeln Eskimos?_

Der Mann hat nicht gelacht. Hat er jemals gelacht, oder sah man ihn allenfalls leicht schmunzeln? - "Jungs sind blöder als Mädchen", behauptete seine Freundin bereits mehrfach, und ich bin mir recht sicher: er fand's nicht witzig. Helmut Zerlett, der hätte sicherlich gelacht. Helmut und sein Rastahaar-Bassist hätten sich vermutlich die Schenkel geklopft und dabei einen kurzen Jingle angespielt, während Ankes Freund und dessen Helfer diesen Moment emotionslos abhängen. Claus Fischer und die Electric Lady Band wirken penetrant belangweilt, und ich frage mich, ob man die Stimmung in der Band als Qualitätsmerkmal für eine Sendung benutzen darf: hat Claus gelacht, war sie - Anke - gut. Hat er jedoch nicht gelacht, bleibt es wie gehabt: Late Night und nicht lustig.

::: 09.05.2004

_Mir und Frau Karrenbauer_

Ehrlich. Fast immer, wenn ich Katy Karrenbauer im Fernsehen sehe, wundere ich mich für einen kurzen Moment, warum die Frau ständig Freigang hat. Es scheint, als spiele sie ihre Knastrolle, von der ich nur den Trailer mit dem gestreckten Effenberg kenne, überzeugender als etwa Kollege Semmelrogge von den Autobahnrasern. Das Schlimmste, was mir, der Frau Karrenbauer und Barbara Eligmann heute passiert ist, war die Wiederholung vom großen Promi-Buchstabiertest. Wie kann man denn so etwas im Fernsehen zeigen? Ich dachte, wir hätten die Frau dank ihrer Babypause endgültig überwunden! Nein. Anspruchslose Gäste buchstabierten gutgelaunte 20-Punkte-Wörter wie R-A-C-H-E-N und V-I-E-L-L-E-I-C-H-T, die Babs gekonnt explosiv anmoderierte.

::: 01.05.2004

_Männerbücher_

Ich stecke mal wieder voll in einer Grisham-Phase. Nach einer Reihe wirklich spannender Bücher (Pfeiler, Säulen und Brücken, Päpstinnen, Geishas und Medici) hatte ich mich schwer vergriffen und bin an Caroline Link geraten. Kaum jemand, außer Krachts Christian (siehe Artikel), hat jemals geschafft, mich abderartig zu langweilen. Frau Carolines Haus der Schwestern schien mir anfangs ein nettes Thema zu beinhalten, dessen sprachliche Umsetzung auf den Folgeseiten jedoch so spannend wie ein Fladenbrot wurde. Langweilige Bücher erkennt man daran, dass man beim Lesen in der U-Bahn zur FAZ des Sitznachbarn schielt. Mit guten Büchern dagegen verhält es sich wie mit Actionfilmen: nur eine schnelle Story verzückt das schlichte Gemüt. Männerbücher eben.

::: 01.04.2004

_"Sie hatten Post!"_

Im vergangenen dreiviertel Jahr sind mindestens 5 persönliche Briefe abhanden gekommen, und ich frage mich nun wirklich, welcher verkappte Kleptomane seinerzeit auf die Idee gekommen ist, eine Karriere als Briefträger zu starten. Ähnliche Fehlbesetzungen findet man bei den Aufmerksamkeitsdefizitlern von der Servicehotline, die in Kindertagen ihr Sanostol verweigert haben und nach erfolgloser Ausbildung heute in der Nachforschungszentrale tätig sind. Innerhalb von 1-2 Werktagen erhält man ein nur mäßig freundliches "Wir konnten keine Unregelmäßigkeiten bei der Zustellung entdecken", so dass ich mich frage, welcher von diesen Lakaien auf dem Gepäckträger meines Briefträgers gesessen haben soll, um aufzupassen, dass der Typ sich nichts unter die Jacke steckt.

::: 31.03.2004

_Neulich in der Kaufhalle_

Ein Ostberliner Supermarkt im Jahr 2004. Die Grenze ist seit einiger Zeit geöffnet und Fernsehen neuerdings digital. Das alte Ehepaar im Gang der Kaufhalle wirkt leicht erschöpft. Er schiebt mürrisch den überladenen Einkaufswagen, während sie penible Anweisungen erteilt, welche Artikel zu verbuchen sind. Dann plötzlich in einem schwachen Moment schlichter Eigeninitiative greift Opi ins Regal und versucht, den heimischen Vorrat an Kaffee um 4-6 Pfund aufzustocken, bevor Omi interveniert: "Im Westen gibt's sowas doch jeden Tag!". Er hält inne und schaut schuldbewusst. Sie winkt ab: "Und wenn bald der Atomschlag kommt, haben wir sowieso nichts mehr davon!". Opi nickt wissend und schiebt weiter. Waren die beiden einfach nur senil oder Mitglieder der Al-Qaida?

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