Das kleine Seitenschwein

::: 07.09.2005

_Bob die Baumeister_

Direkt gegenüber sanieren sie das Haus. Krach und Staub, damit kann ich leben. Schlimmer ist der Lärm der Bauarbeiter, die sich buckelwalartig über große Entfernungen zwischen Gerüstoberkante, TOI TOI-Klo und Bauwagen verständigen, indem sie tieffrequente Wellen von Wortfetzen ungerichetet in die Welt stoßen. Als Anwohner macht mich das betroffen. Ich habe regelmäßig das Gefühl, sie strütten lautstark. Deshalb werde ich morgen dem Polier vorschlagen, ein flächendeckendes In-Ear-Monitoring zu installieren, damit diese Hektik gegenüber ein Ende hat. Wenn Gerd dann oben am Dach den 9er braucht, muss er nicht mehr Olli anschreien, der gerade Schutt durchs Fallrohr kippt. Ist der Container voll, erwarte ich statt "Oiiiey haaalt!" ein dezentes *buzz*.. "Der Adler ist gelandet."

::: 05.09.2005

_Jesus In A Camper Van_

Da stehen wir: anfangs 120, später mehr. Direkt unter Ahmet Iyidirli und Ströbeles Erststimme vorm KOKA36 in Kreuzberg. "Gibt's was umsonst?", fragt der Müllmann, der sich durch die Menge in die Hofeinfahrt drängt, die wir versperren. "Die Beatles touren wieder", denke ich, während weibliche Anteile ihn ankreischen: "Robbiiiee!". Ah, den Williams kennt er wohl. Zeitung hat er aber noch nicht gelesen, sonst wüsste er, dass einige Fans bereits seit Freitag, also 50 Stunden und mehr, vorm Eingang des Velodroms campen. Erste Infos machten die Runde: 400 Tickets, jeder nur zwei. Der türkische Bäcker von nebenan stellt Sitzbänke auf und verlagerte sein Frühstück nach draußen. Gelegentlich wird gejubelt. Radio eins ist auch da. Um 11 endet die Show. Wir warten auf Zugaben.

::: 28.06.2005

_Henne. Hahn._

Neulich ist mir klar geworden: sobald die erste Ausgabe des Abonnements im Postkasten landet, verliert man schlagartig sämtliches Interesse an einer Zeitschrift! Ich bin mir noch nicht sicher, ob das auch für Frauen gilt. Also jetzt nicht für Frauen im Briefkasten, sondern für Frauen und ihr Interesse an Zeitschriften im Abo. Wahrscheinlich ist es eher so, dass nur Männer auf Inhalte ansprechen, die sie sich am Kiosk erjagen müssen, anstatt sie geliefert zu bekommen. Allerdings: warum klappt die Methode mit dem Pizzataxi? Hunger steht dem Jagdtrieb voran! Die Männerlösung für ein Zeitschriftenabo muss also durch ausgeprägte Merkmale funktionieren. Etwa Technik: Vorabteaser per eMail. Einzelbestellung im Onlineshop. Der Postbote meldet per SMS, dass die Zeitschrift zugestellt wurde.

::: 13.06.2005

_Literaturstöckchen_

Es schwirren mal wieder Stöckchen durchs Netz. Einer wurde dabei am Kopf getroffen und hat den Übeltäter an mich weitergereicht, nachdem er ihn zur Rede gestellt hat. Jetzt sitze ich hier, hab den Stock auf dem Tisch liegen und denke, dass er zu groß für mein Schweinchen ist. Nicht, dass es damit nicht umgehen könnte, nein; es könnte ihn durchaus breit ins Maul stecken und ein gutes Weilchen tragen. Aber zum Spielen ist er zu klobig, haben wir festgestellt. Schon das letzte Stöckchen, das viel kleiner war, hat ihm keinen rechten Spaß gemacht. Schweine sind ja auch keine Hunde, sie apportieren nicht. Und Frischlinge haben sowieso nur Flausen im Kopf. Was mache ich nun also mit dem Stock, weiterreichen? Ist ja wie ein Schneeballsystem, nur dass man kein Geld verlieren kann.

::: 06.06.2005

_mit scharf, kursiv_

Gestern beim Lieblings-Inder: dass in der Speisekarte "scharf" hinter dem Menü stand, das ich bestellte, hatte ich kaum bemerkt. Menschen sind fixiert auf Kleingedrucktes, überlesen jedoch gerne mal Worte, die kursiv geschrieben wurden. Anmerkungen des Verfassers, ISBN-Nummern, Verweise, Erklärungen für Anfänger, Nebensächlichkeiten; Wichtige Dinge stehen selten kursiv, dachte ich bis zu dem Moment, in dem mir der Hauptgang die Gewürze in die Augen trieb und eine bisher unbekannte Ader unter meinem rechten Auge zu pulsieren begann. Das offene Fenster neben mir beschlug. Von außen. "War gut?", fragte einer von ihnen, als er die Rechnung brachte. Ich: "War die Hölle! Ihr habt hier nichts Schärferes, oder?" Er: "Natürlich mache ich dir schärfer. Musst du nur sagen!"

::: 23.05.2005

_Flight Girl_

Als ich gestern die Frau sah, war ich auf Anhieb davon überzeugt, dass sie vor Jahren mal eine Flugbegleiterin gewesen sein musste: beige Hose und weiße Edeltreter. Blaues Sacko. Toupiertes Blondhaar. Das "resolute" Auftreten einer Mitfünfzigerin, die sich in jeder Gesellschaft wohlfühlt. Viel von der Welt gesehen und sich zur kompetenten Gesprächspartnerin mit sicherer Meinung zu jedem Thema entwickelt. Ich wollte zum Flughafen Schönefeld, Tag der offenen Tür, und wusste es in dem Moment, als mich ihr Fliegerabzeichen anfunkelte. Ganz bestimmt sogar eine Teamleaderin auf dem Weg zum Ehemaligentreffen! Im Vorbeigehen verwandelte sich das Abzeichen dann zum Schmetterling und die Frau zum Beinahe-Mann. Menschenkenntnis kann versagen, wenn man zu weit weg ist.

::: 31.03.2005

_3 mal nur so_

1. Kellner, die bereits scheinheilig Freundlichkeit heucheln, wenn sie dich bedienen, beim Zahlen jedoch schlagartig ehrlich unfreundlich werden, weil das Trinkgeld nicht ihren falschen Erwartungen entspricht, haben es genauso wenig verdient wie der Penner auf der Straße, der dich nett anbettelt, um dir dann "alte Fo..e!" nachzurufen, wenn du ihm nichts gibst. 2. das letzte Stück Pizza muss aus der Mitte sein, wenn du keinen Rand magst. Alles andere wäre dumm. 3. Pantomime im Bad kann peinlich werden, wenn du beim Zähneputzen mit vollem Mund anzudeuten versuchst, gleich Miami Vice auf DVD gucken zu wollen und deshalb eine schnittige Corvette imitierst, während du mit imaginären Pistolen um dich schießt. - Nur mal so, weil's gerade nicht passte.

::: 27.03.2005

_Fleischklöpschen_

Dresden. Stadt, in der unser alter Allbundeskanzler Helmut Kohl bereits im Schwarzmarkt saß (liest man auf dem güldenen Schild, das an seinen bemerkenswert schmalen Altstuhl gedübelt wurde). Stadt, in der man auf Toiletten auch mal persönlich begrüßt wird, weil alle Leute hier so nett sind. In der am Ostersonntag offensichtlich herzhaft gekifft wird. Die ich um ihr Kebap-Haus beneide, in dem der Dürüm besser schmeckt als damals in Münster. Die Stadt, in der pummelige heimische Fußballfans in gelben T-Shirts rumlaufen, auf denen ich irrtümlich "Fleischklöpschen" lese und an Maja denke. In der man die Sommerzeit genauso heimlich einstellt wie in Paris. In der man den Tobi leider nur dann antrifft, wenn nicht gerade Ostern ist. Bis aufs Timing also eine tolle Stadt.

::: 24.02.2005

_0800 220 5050_

Kann nicht sein, dass ich Jürgen Domian eben am Ku'damm in einem Streufahrzeug der Berliner Stadtreinigung gesehen habe, oder? Er zeigte sogar die gleiche ernste Miene wie im Fernsehen, als er den Truck um die Ecke lenkte. Überhaupt war heute ein Tag der Plagiate: nur kurze Zeit vorher stand mir Leon der Profi bei Starbucks gegenüber und trank einen Espresso. Allerdings in Begleitung ganz seltsamer Freunde und um einen sehr ähnlichen Faktor in der Breite angewachsen wie Diego Maradona. Beim Rausgehen hat er dann noch dreist die kleine Tasse mitgehen lassen. Blödes Stargehabe! Falls morgen in der Zeitung steht, dass ein Streufahrzeug vermisst wird, werde ich vielleicht der einzige sein, der konkrete Hinweise auf den Täter geben kann.

::: 11.02.2005

_Gruppen!zwang_

10 Zeilen für so einen kleinen Stock? Bitte: 1. gesamte Musik: etwa 100 CDs aus der Zeit, als Musik noch nicht piepste. Zusätzliche 27 GB an Sicherungskopien. 2. letzte CD: ganz bestimmt noch gerne und mit D-Mark bezahlt. 3. letztes Lied: lief gestern abend und ist kein Fake: Britney mit einem Remix von "Toxic". 4. fünf Lieder: Beginner - Füchse ("Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss"), bandaloop. - Unity (Gruß nach Köln, ihr seid Weltklasse!), Tim Hardin - Hang on to a dream (aus "Frau2 sucht HappyEnd"), Chili Peppers - By the way (never-ending Ohrwurm), Kettcar - Skateboard und alles, was danach kam. 5. drei Personen: Jeena, Frank und Frank. Schießt los!

Waren zwar mehr als 10 Zeilen, aber ist immer noch Platz hier, Tobi.

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